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Beim Teilchenbeschleuniger in der Schweiz
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CERN Areal

Im Juli 2007 erfuhr ich davon, dass Studenten sich am CERN (Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire – die Europäische Organisation für Kernforschung) für das so genannte Technical Student Programm bewerben können, um ein praktisches Studiensemester zu absolvieren oder ihre Diplomarbeit zu schreiben. Ich schickte meine Bewerbung ab und wurde nach dem Auswahlverfahren benachrichtigt, dass ich tatsächlich eine Stelle als Technical Student bekomme und mit dem mir zuständigen Department Kontakt aufnehmen sollte. Nachdem ich alle Formalitäten geklärt hatte, trat ich Anfang März meine Reise in das schweiz-französiche Grenzgebiet bei Genf an.

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In der ersten Zeit nach meiner Ankunft war ich im CERN-eigenen Hostel untergebracht, wo ich schnell mit den anderen Studenten in Kontakt kam und wir uns für das Abendessen und für Wochenendausflüge verabredeten. Als Student der Vermessung war ich in der Survey Section, also der Vermessungsabteilung, angestellt. Diese Abteilung besteht aus ungefähr 30 Mitarbeitern, die zum Großteil aus Frankreich aber auch aus Belgien, Portugal und Deutschland stammen.
In der ersten Arbeitswoche mussten erst einmal viele Formalitäten geklärt und Zugriffsrechte erteilt werden, hierzu zählten z.B. die Einrichtung eines Bank- und Computerkontos und das Absolvieren von Sicherheitskursen und Prüfungen. Als Student in der Survey Section bekam ich Zugang zu fast allen Teilen des Beschleunigers und den vier großen Experimenten – ATLAS, ALICE, CMS und LHCb. Bei meinem jeweils ersten Besuch in jedem Experiment wurden mir von meinen Kollegen die einzelnen Komponenten erläutert und sie standen mir Rede und Antwort auf all meine Fragen.

Es hat mich immer wieder fasziniert, wenn ich mit dem Aufzug 100 Meter in die Tiefe fuhr – und dort dann auf eine Maschine von gut 25 Meter Höhe stieß, die doppelt so schwer ist wie der Eiffelturm.
Zum meinen Hauptaufgaben gehörte die Ausrichtung der Dipolmagnete im Tunnel. Hierbei wird mit einem Lasertracker die Position des Magneten auf seine Nachbarn überprüft und gegebenenfalls korrigiert. Desweiteren habe ich beim Aufbau des hydrostatischen Messsystems geholfen. Dieses System dient einer automatischen Positionskontrolle von Magneten in einem Bereich, der einmal eine besonders hohe Strahlungsdosis erreichen wird. Im ATLAS-Experiment habe ich beim Einbau von Detektoren und der Kontrolle von Bauteilen mitgeholfen. Hier habe ich den Umgang mit dem Photogrammetriesystem gelernt und habe eigenständig Messungen durchgeführt.

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Ein Highlight erlebte ich bei meiner Mitarbeit im ALICE-Experiment. Hier sollten wir überprüfen, wie stark sich die beiden 1,5 Meter dicken Stahltüren bei aktiviertem Magnetfeld deformieren. Im Vorfeld wurden von uns Passpunkte eingerichtet und eine Nullmessung durchgeführt. Bei aktiviertem Magnetfeld wurde dann mit einem optisch-mechanischen Aluminiumtehodolit gemessen. Hierbei konnte ich die gewaltige Kraft des Magnetfelds spüren, alles zog sich zum Experiment hin, Stahlkappen in den Schuhen, Schlüssel in der Hosentasche und magnetisches Werkzeug.

Als sich mein Praxissemester dem Ende zuneigte, fragte ich an, ob ich auch meine Diplomarbeit am CERN schreiben könnte. Sehr erfreut darüber bot man mir gleich mehrere Themen an. Da mir die Arbeit mit der Photogrammetrie sehr gefallen hatte, entschied ich mich für die Diplomarbeit bei der ich am MACS-Projekt (Multiple Alignment Control System) teil haben durfte. MACS ist ein ferngesteuerter Messzug, der an einer Schiene durch den Tunnel fährt und dort Positionskontrollen von Bauteilen vornehmen soll. Meine Aufgabe bestand darin das für das MACS-Projekt bestellte Photogrammetriesystem, MoveInspectHR von AICON, in den MACS-Zug zu integrieren, dessen Eigenschaften zu analysieren und daraus die besten Einstellungen für die Anwendung abzuleiten. Dies sollte abschießend durch einen Acceptancetest überprüft werden. Trotz einiger Probleme konnte ich alle Aufgaben lösen und ein zufrieden stellendes Ergebnis abliefern.

Neben der Arbeit am CERN war das Leben in der Umgebung von Genf ein einzigartiges Erlebnis. Wie fast alle lebte auch ich in einer Multikulti-Wohngemeinschaft, die sich aus chinesischen, italienischen, indischen und französischen Mitbewohnern zusammensetzte. Mit meinem Freundeskreis, der sich aus Menschen aus allen Teilen der Welt zusammensetzte, habe ich viele Ausflüge um den Genfer See unternommen sowie das Nachtleben in Genf genossen. Genf selbst ist eine sehr internationale Stadt und so kann man sich auch ohne Französisch-Kenntnisse einfach zurechtfinden. Während des Sommers gibt es in Genf und um den Genfer See eine Vielzahl von Festivals und Veranstaltungen – z.B. das Paleo Festival, das Montreux Jazz Festival, den Genfer Autosalon, die Fete de Geneve und das Genfer Stadtfest mit seinem gewaltigen Feuerwerk. In einem Jahr am CERN habe ich viele professionelle Erfahrungen gesammelt, die mir für mein weiteres Studium und meinen Arbeitsalltag nützlich sein werden. Ebenso wertvoll waren aber auch die neuen Freundschaften die geschlossen wurde sowie die internationalen und interkulturellen Erfahrungen.

Markus May

Kategorie: Technik & Industrie - Tags: ,

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