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Kleines Land vor großen Aufgaben

Blick auf Kotor

Die Republik Montenegro gehört mit einer Fläche von 13.820 Quadratkilometern zu den kleineren europäischen Staaten. So klein das Land, so groß die Herausforderungen: Montenegro ist ein so genanntes Transformationsland, inmitten des Übergangs zur Marktwirtschaft. Die wirtschaftliche Situation ist – wenngleich nicht stark – relativ stabil. Ein entscheidender Teil des Bruttoinlandsproduktes wird durch die Tourismusbranche erwirtschaftet. Gerade hier werden noch enorme Wachstumspotenziale gesehen.

Ziel für die kommenden Jahre ist es, durch attraktivere Angebote die Zahl der Touristen zu vergrößern und insbesondere die Hotelkapazitäten und -qualitäten zu verbessern. Neben dem gebirgigen Hinterland wird sich die touristische Entwicklung vor allem auch auf die schmale, nur knapp 300 Kilometer lange adriatische Küstenlinie konzentrieren. Allerdings entsprechen gerade hier vorhandene und geplante Infrastruktureinrichtungen nicht den gewünschten und prognostizierten Touristenzahlen: Straßen sind teilweise in schlechtem Zustand, die Eisenbahnanbindung ist mangelhaft, Wasser- und Abwasserleitungen sind veraltet und von unzureichender Kapazität. Verunreinigung von Küstengewässern, kilometerlange Staus in den Sommermonaten und eine stark limitierte Wasserversorgung sind die Folge. Erschwerend kommen fehlende Abstimmungen örtlicher und nationaler Planungsträger hinzu. Das größte Problem stellt jedoch die unkontrollierte Bebauung mit nicht genehmigten baulichen Anlagen dar.

Historische Altstadt, 1979 schwer durch Erdbeben zerstörtFestung Sveti IvanArchitekturdetail in der Altstadt von Kotor

Die Regierung unternimmt große Anstrengungen, eine nachhaltige touristische Entwicklung zu fördern und zu steuern. In den letzten Jahren wurden zahlreiche Strategien erarbeitet und Programme verabschiedet, die gezielt die derzeitige Situation analysieren, Stärken und Schwächen herausarbeiten, Perspektiven aufzeigen sowie Vorschläge und Alternativen zur praktischen Umsetzung anregen sollen. Neben beachtlichen Fortschritten und vorzeigbaren Erfolgen gibt es jedoch auch eine ganze Reihe von Schwierigkeiten. Die aktuelle Situation in der Region um Kotor verdeutlicht dies sehr anschaulich.

Die Bucht von Kotor ist im September 1979 als eine der ersten Stätten in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen worden – aufgrund der einzigartigen Harmonie, mit der sich mittelalterliche Städte an der Adriaküste, Kirchen, Festungsanlagen und Paläste in die Landschaft einfügen, und aufgrund der herausragenden architektonischen und künstlerischen Leistungen, die bestimmend für eine ganze Zeitepoche waren und für die gesamte Adriaregion prägend und von außerordentlicher Strahlkraft. Ein Schlüsselbegriff für diese Charakteristika in der Unesco-Konvention sind die so genannten Outstanding Universal Values, die in den Operational Guidelines definiert sind. Trotzdem bereitet die praktische Beschreibung häufig Schwierigkeiten. Vielleicht könnte man es so zusammenfassen: Durch welche besonderen Qualitäten, durch welche einzelnen Elemente zeichnet sich die Bucht von Kotor aus, die insgesamt den herausragenden Wert dieser Kulturlandschaft ausmachen?

Das Erhalten jener Qualitäten, die maßgebliche Wirkungen in diesem Zusammenspiel entfalten, das Abschätzen von Gefährdungspotenzialen oder gar des Verlustes einzelner Elemente sind daher von außerordentlicher Bedeutung. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der regen Bautätigkeit im Welterbegebiet und der Ausweisung einer Schnellstraße einschließlich einer Brücke über die Bucht von Kotor veranlasste die Unesco, von der montenegrinischen Regierung unter anderem eine Überprüfung der Beschreibung der Outstanding Universal Values einzufordern.

Blick über die Dächer von Kotor IBlick über die Dächer von Kotor IIWorkshop in Kotor

Im Rahmen eines Workshops in Kotor am 23. und 24. Juni 2009 trafen sich Experten von ICOMOS (ein Unesco-Beratergremium) mit Vertretern der örtlichen Planungsträger, Ministerien, Planungsbüros, Nichtregierungs- und Umweltorganisationen, wissenschaftlichen und anderen staatlichen Einrichtungen, um die aktuelle Situation, bestehende Risiken und sich abzeichnende Bedrohungen zu analysieren und Maßnahmen zum Schutz der Welterbestätte zu diskutieren. ICOMOS-Expertin Katri Lisitzin charakterisierte die gegenwärtige Lage so kurz wie alarmierend: „Urbanisation is faster than protection.“ Die Berater von ICOMOS waren sich einig, dass es für eine Neuorientierung noch nicht zu spät sei. In mehreren Gruppen trugen die Workshopteilnehmer unter anderem kulturelle, historische, geographische, religiöse, wirtschaftliche Indikatoren zusammen, die die Einzigartigkeit und den Wert der natürlichen und kultur-historischen Region von Kotor kennzeichnen.

Die ermittelten Qualitäten gehen teilweise weit über das hinaus, was 1979 in der Begründung zur Aufnahme Kotors in die Welterbeliste angeführt wurde. Sie waren gleichsam Ausgangspunkt für die Erörterung der Frage, in welcher Weise eine Pufferzone das eigentliche Welterbegebiet umschließen soll. Neben des Stärken der Region wurden aber auch Schwachpunkte deutlich: Die Abstimmung zwischen der kommunalen und der nationalen Planungsebene muss weiter verbessert werden, die regionalen Planungsträger müssen sich stärker abstimmen und vernetzen, die Planungsprozesse müssen für die Öffentlichkeit transparenter werden, der Bevölkerung Mitgestaltungsmöglichkeiten aufgezeigt und die vorhandene Gesetzgebung konsequent umgesetzt werden.

KolleginnenWorkshop: Oustanding Universal ValuesStadtverwaltung mit Landesflagge

Zu viel Planung und zu wenig Vermessung für einen Brandenburger Vermessungsreferendar? Nun, zum einen fand mein dreiwöchiges Praktikum, unterstützt durch und absolviert bei der GTZ Montenegro (Projektbüro: Municipality Land Management Project), im Rahmen des Vertiefungsabschnittes „Landesplanung und Städtebau“ statt und hat einen praxisnahen Einblick in das Planungssystem Montenegros und seine noch jungen Umsetzungen gewährt. Zum anderen sind die Verknüpfungen zum Vermessungs- und Geoinformationswesens so zahlreich wie vielschichtig: Digitale Geländemodelle und Orthophotos für die Analyse von Sichtachsen und –beziehungen, um die Auswirkungen eines eventuellen Brückenneubaus bewerten zu können oder um historische Verteidigungslinien entlang der Bergkämme nachvollziehen zu können; historische topographische Karten, um die Siedlungsentwicklungen und Handelswege rekonstruieren zu können; Katasternachweise zur Gegenüberstellung der Parzellen- und Nutzungsstruktur des Eigentums an der Adriaküste zur Zeit venezianischer Palastbauten und investitionskräftiger Hotelneubauten der letzten Jahre. Die Beispiele ließen sich fortsetzen…

In jedem Fall wird die Bereitstellung von exakten Geobasisdaten in Verbindung mit Fachdaten verschiedener Quellen einen entscheidenden Beitrag leisten, die Bucht von Kotor gleichsam als eine für Bewohner lebenswerte Region auch wirtschaftlich und mithin touristisch attraktiv entwickeln zu können und darüber hinaus dem hohen Anspruch an den Schutz des Welterbes gerecht zu werden.

Kategorie: Grund & Boden - Tags:

2 Comments to “Kleines Land vor großen Aufgaben”

  1. Andrea Pörsch says:

    Hallo Stefan,

    gerade aus dem Albanien-Urlaub zurückgekehrt (auf dem Rückweg sind wir auch durch Montenegro gefahren), habe ich auf den LGB-Intranetseiten Deinen Beitrag entdeckt.

    Er gefällt mir gut!

    Ich war schwer erschüttert, wie überstürzt mit den Bautätigkeiten an den schönsten Orten losgelegt wurde.

    Herzliche Grüße von Andrea

  2. Dragan Kukolj says:

    Hallo Stefan,

    vielen Dank für Dein Beitrag. Wir entwickeln ein koncept für “ökologisches Tourizmus in Montenegro, haben Region Bar bereits erfasst und sind gerade die Tage in Boka Kotorska. Hast Du mehr “Materialien” zu Geo-Daten / Topografie, etc. ?
    Möchtest Du uns Diese zur Verfügung stellen, bzw. mit uns in Kontakt ( über o.s emajl ) tretten. Danke ! Dragan aus Kotor