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Kirchensanierung für Peter-Maffay-Stiftung

Wir schreiben den sommerlichen September 2009. Im Rahmen Ihrer Projektarbeit machten sich 15 Vermessungsstudenten des 7. Semesters der Fakultät Geoinformation, der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden, auf in 20 Tagen eine der vielen Kirchenburgen Rumäniens zu vermessen. Dies geschieht im Auftrag der Evangelischen Kirche in Rumänien A. B. und der Peter-Maffay-Stiftung, die im ehemaligen Pfarrhof der Kirchenburg von Roades/Radeln ein Erholungsheim für benachteiligte Kinder errichten will. Prof. Walter stand uns als Betreuer bei diesem Abenteuer zur Seite. Am 08. September startete die Gruppe mit zwei voll beladenen VW-Bussen, vor ihr knapp 1470 km Weg. Nach 22 Stunden Fahrtzeit war das Endziel Radeln erreicht; ein abgeschiedenes Dorf in den Hügellagen des Karpatenbogens, das weder über Kanalisation noch fließende Wasser verfügte, selbst das Stromnetz wies ein Eigenleben auf.

Gruppenfoto in Tartlau

Herr Hellwig, Kurator des Kirchenbezirks Brasov/Kronstadt, begrüßte die Angereisten aufs Herzlichste. Nach einer kurzen Geschichtsstunde über das Dorf Radeln und die Siebenbürger Sachsen wurde die Gruppe von Herrn Szaktilla, dem Architekten der Peter-Maffay-Stiftung, bei einem ausgedehnten Rundgang in die baulichen Besonderheiten der Kirchenburg eingewiesen. Eine Kirchenburg ist eine stark befestigte Wehrkirche, umgeben von Wehrmauern und einer Vielzahl von Wachtürmen. Pechschlitze und Schießscharten sollten den Dorfbewohnern helfen sich im Belagerungsfall zur Wehr zu setzen. Sie weist aber trotzdem alle Merkmale einer normalen Kirche mit Orgel, Glocken und Emporen auf. In bautechnischen Fragen wurden die Vermesser von den beiden Architekturstudenten Ana und Oliver aus Cluj-Napoca/Klausenburg seit dem Nachmittag unterstützt. Am Donnerstag kam Ioanna, Vermessungsstudentin aus Alba Iulia/Karlsburg, als weiteres Mitglied der Multikultitruppe hinzu. Die Unterbringung aller Studenten befand sich in Homorod/Hamruden, im zur Herberge umgebauten Pfarrhaus und bei einer Nachbarsfamilie. Neben ausreichenden Schlafmöglichkeiten boten die Herbergen zudem Zugang zu Duschen und Wassertoiletten (beides entspricht nicht dem Landesstandard).

Eine Messtruppeinteilung wurde bereits in Dresden festgelegt, insgesamt 6 Trupps (1x Kirchenschiff, 2x Dachstuhl, 1x Außen, 1x Dokumentation, 1x Turm) stellten sich der Aufgabe des Kirchenaufmaßes. Die typischen Anfangsschwierigkeiten ließen sich selbst bei diesem Projekt nicht vermeiden; wer rechnet schon damit, dass dreimal an einem Tag der Strom für längere Zeit ausfällt und Computerprogramme, trotz umfangreicher Tests in Dresden, nicht mehr laufen wollen.

Aber was war nun im Einzelnen von den Vermessern zu tun?

AnkunftKirchenburg Roades/RadelnMesstrupp im Kirchenschiff

Sämtliche Balken und Stützen, das Gewölbe, alle Mauern, Fenster und Bögen der Kirche spielten beim Aufmaß eine ebenso große Rolle wie Treppen, Emporen und vor allem offensichtliche Beschädigungen der Kirchenburg selbst.

Mit Tachymeter und angeschlossenem Laptop wurde mittels TachyCad von jedem Messtrupp ein Kantenmodell seines Bereichs erstellt. Diese einzelnen Modelle werden dann in Dresden zu einem kompletten Kantenmodell der Kirche zusammengefügt. Aus diesem lassen sich nachfolgend diverse Grundrisse und Schnitte erstellen. Wenn man selbst vor Ort die baufällige Tragekonstruktion des Turms gesehen hat, kann man kaum glauben, dass sich die Studenten dort hinauf wagten, um ihrer Arbeit nachzugehen.
Über Passpunkte, die der Außentrupp in einem einheitlichen Koordinatensystem aufnahm, wurden die Instrumentenstandpunkte bestimmt. Als erschwerend stellte sich ein schwingungsfreier und sicherer Aufbau der Instrumente selbst heraus. Montag bis Samstag liefen die Vermessungsarbeiten, aber an den Sonntagen konnte die Projektgruppe ausruhen und auf Ausflügen Land und Leute besser kennen lernen. Eine Stadtführung durch Brasov/Kronstadt und anschließender Fahrt nach Prejmer/Tartlau waren Programmpunkte des ersten Sonntages. In Brasov besichtigte die Gruppe die historische Altstadt und im benachbarten Prejmer die dortige Kirchenburg, die in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde.

Abhängen im Turm3D-Modell der Kirche von Roades/RadelnMessarbeiten am Pfarrhausdachstuhl

Der zweite freie Sonntag wurde genutzt, um auf dem Weg zur legendären Passstraße der Südkarpaten, der Transfagarash, die berüchtigten rumänischen Straßenverhältnisse (Schlaglöcher mit der Länge eines Pkws) zu testen. Nach dem Erklimmen der Transfagarash ging die Fahrt weiter Richtung Sibiu/Hermannstadt, Europas Kulturhauptstadt 2007. Die Kirchenburg als komplettes, digitales 3D-Modell darzustellen, ist unser festgeschriebenes Ziel als Studenten, um auf diese Weise, die hoffentlich bald beginnende Rekonstruktion zu unterstützen.

Für das Jahr 2010 gibt es erste Überlegungen ein weiteres Projekt in Radeln durchzuführen. Dann sollen Umringsmauer, Wehrgänge, Türme und einige weitere Gebäude aufgenommen werden.

1 Comment to “Kirchensanierung für Peter-Maffay-Stiftung”

  1. Hallo,
    als früherer Rumänienfahrer interessiert mich das neue Projekt der Peter-Maffay-Stiftung in Rumänien.
    Ein Land mit sehr vielen Gesichtern, das Chancen und
    Überraschungen bereithält. Durch ihre Vermessungs-
    arbeiten zusammen mit Einheimischen profitiert nicht nur das Projekt, sondern alle Beteiligte, also
    auch Sie, wenn Sie die Herausforderungen in diesem
    vielen Deutschen “unbekannten” Land annehmen.
    Ihr Einsatz wird für die Menschen dort in der
    Region sicher einmal als wertvoll eingestuft werden, bildet er doch wesentliche Grundlagen.
    Viele Grüße aus Alzenau!