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Deformationen durch Erdbeben
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Südamerikanischer Boden unter den Füßen. Unterhalb des Äquators auf einem anderen Kontinent, fernab der Heimat. Keine Spur von Müdigkeit. Bienvenidos a Chile.

Kaum hatten wir Santiago erreicht, traten wir schon die nächste Reise an: eine sechsstündige Busfahrt nach Concepción, unserem Hauptziel bei dieser Exkursion. Im Dunkeln bezogen wir unsere Cabañas im „Club Deportivo Alemán“. Sehr schönes und rustikales Ambiente. Sogar mit offenem Kamin der uns die nächsten zwei Wochen abends warm halten sollte.
Im Kopf noch gar nicht in Chile angekommen, wurden wir zu unserem ersten offiziellen Termin in der Universidad de Concepción erwartet. Dabei ging es um das eigentliche Ziel dieser Messkampagne, durch das Erdbeben verursachte Deformationen, anhand von GPS-Messungen zu detektieren. Zusammen mit den chilenischen Studenten hörten wir aufmerksam den auf Englisch gehaltenen Vorträgen zu, als uns allen ein Unwohlsein überkam. Es wird ein Festpunkt für 48h mit einer GPS-Antenne besetzt. Das Festpunktfeld ist über die Region Bio-Bio verteilt. Die einzelnen Festpunkte liegen bis zu 50km voneinander entfernt. Bei dem Aufbau handelt es sich um eine Konstruktion der HCU. Eine Abänderung eines Dreifußes, der sich über Gewindestangen bis auf ca. 30cm ausfahren lässt. Diese Stative mit integriertem Dreifuß haben den Vorteil, dass sie platzsparend und individuell einsetzbar sind. Ein zweiter Punkt wird einige Tage später auch wieder für 48 Stunden beobachtet. Das Ganze erfolgt in Zweier-Teams mit stündlicher Wetterbeobachtung.

Dabei wird ein/e deutsche/r Student/in mit einer/m chilenischen Student/in zusammenarbeiten. Zwei sich völlig fremde Menschen aus unterschiedlichen Kulturen treffen zusammen. Das hat einen ganz einfachen Grund. Deutsche Studenten sprechen kein Spanisch, aufgrund ihrer Statur hat man jedoch Respekt vor ihnen, falls es zu Unannehmlichkeiten kommen sollte. Daher ist es unumgänglich ein/e Chilenen/in dabei zu haben, da man sich so besser verständigen kann. Diese Nachricht erst einmal verdaut, beschlossen wir kurzerhand am Abend eine kleine Eisbrecherfeier zu veranstalten, damit sich die Gruppen zusammenfinden konnten. Wie sich herausstellte ist Kultur und Weltbild nicht fern vom Europäischen, daher gab es auch keinerlei Schwierigkeiten den passenden Partner für die erste Session zu finden. Mit „Escudo“ (Bier) und „Pisco“ konnten wir in großer Runde den Abend ausklingen lassen.

Am nächsten Tag bekamen alle eine Einführung in den GPS-Empfängern von Trimble und TOPCON. Akribisch notieren wir uns die Feinheiten (Ausrichtung, Steckverbindung, Datenübertragung, usw.) bevor es losgeht um in einem rasanten Tempo für die nächsten 48 Stunden Proviant zu kaufen.

Die Studenten teilen sich auf. Während acht GPS-Gruppen zu ihren jeweiligen Stationen gefahren wurden, macht sich eine andere Gruppe auf den Weg zur Küste, um dort Steinformationen im Tidebereich zu Scannen, die wegen des Erdbebens angehoben wurden. Durch den Vergleich mit Luftbildern ist es daraufhin möglich, das Ausmaß der Hebung zu ermitteln.
Während der nächsten 48 Stunden mitten im Nirgendwo von Chile gab es verschiedene Ereignisse, die von Evakuierung (Tsunami-Warnung) bis hin zu herzlichster chilenischer Gastfreundschaft reichten. Das wissenschaftlich / psychologische Experiment hat nach der ersten Session Spuren bei so manchem hinterlassen. Bei der Rückfahrt sind alle etwas aufgedreht und mitgenommen. Das Resultat einer sonnen- und regenhaltigen Zeit. Nichts desto trotz beschwert sich keiner, da niemand zuvor diese paradiesische Landschaft je zu Gesicht bekommen hat.

Nun endlich gab es Zeit um sich vor Ort umzuschauen. Die zweitgrößte Stadt Concepción ist nicht die attraktivste, hat dafür aber einen riesigen in Weiß gehaltenen und namenhaften Campus auf dem sich das Transportable Integrierte Geodätische Observatorium (TIGO) des Bundesamtes für Geodäsie und Kartographie (BKG) befindet. Dort erhielten wir erstmals einen Einblick darüber, was am 27.02.2010 in Concepción tatsächlich geschehen ist und welche Folgen und Nachwirkungen das für die Bevölkerung hatte. Das Erdbeben der Stärke 8.8, dessen Epizentrum im pazifischen Ozean sehr nah lag, hat die Stadt durch Erschütterungen in erhebliche Mitleidenschaft gezogen.

Der am nächsten Tag selbst organisierte Besuch einer stillgelegten Steinkohlemine in Lota rundete die freie Zeit ab, bevor es dann zur nächsten Session ging. Diesmal waren die Gruppen größer und die Zeit verging insgesamt schneller als bei der ersten Session. Wobei eine Gruppe wieder mit scannen beschäftigt war. Nach der letzten Session, am letzten Tag in Concepción fand die Abschiedsfeier für alle die an diesem Projekt beteiligt waren, mit einem „asado“ (Grillen) statt. Zwei Wochen die wie im Flug vergangen sind. Alle werden die Erlebnisse im Guten behalten und diese Stadt mit einem weinenden und einem lachenden Auge verlassen, da jetzt Zeit ist für die lang ersehnten Social Events.

Die Reise in den Süden im Land am anderen Ende der Welt trieb uns nach Pucón. Einer 14.000 Einwohner Stadt die im Sommer von Touristen übersät ist. Angezogen vom Lago Villarica und dem Vulkan Villarica. Uns zieht es auf den 2840m hohen Vulkan, den wir in einer schweißtreibenden 5 Stunden Tour erklimmen. Der Kraftakt hat sich gelohnt. Den Betrachtern bietet sich ein atemberaubender Blick über den Wolken Chiles. Nassgeschwitzt und von beißender Kälte umgeben gleiten wir mit unseren Eispickeln ins Tal zurück. Die zu Höchstleistung gezwungenen Muskeln dürfen sich beim abendlichen Besuch eines Thermalbads erholen bevor alle in Sekundenschnelle an diesem Abend einschlafen.

Am darauffolgenden Morgen führt uns der Weg nach Puerto Montt. Einer Hafenstadt, die Station und Ausgangspunkt vieler Kreuzfahrten ist. Wieder einmal sind wir von dieser makellosen Natur beeindruckt und können uns gar nicht satt fotografieren. Der Parque Nacional Vicente Pérez Rosales (Nationalpark) macht einen paradiesischen Eindruck auf uns. Felsen, klares Wasser und unberührte Natur lässt auch das Herz eines Großstadtjunkies höher schlagen. Auch am darauf folgenden Tag wurden wir erneut beeindruckt: Frei lebende Magellan- und Humboldtpinguine, die die Insel Chiloé im Sommer als Brutstätte nutzen. Die gewonnenen Eindrücke verschlingen wir mit selbstgebackenen Empanadas nach Art des Hauses.

Auf geht es zu unserer letzten Station dieser Reise: Santiago. Es stehen noch zwei offizielle Termine an, bevor wir leider wieder die Heimreise antreten müssen. Die 12 stündige Busfahrt wird uns mit B-Movies der amerikanischen Filmindustrie versüßt, bevor wir im Sitzen schlafend auf die 5.3mio Metropole treffen. Das vorletzte Meeting lässt nicht lange auf sich warten. Wir sind zu Gast beim Aerophotogrammetrischen Dienst der Luftwaffe (SAF). Einer Militärbasis, die in der Nähe des Flughafens liegt. Dort erfolgt die Bildflugplanung und photogrammetrische Auswertung für das gesamte Land. Der technische Stand ist in einzelnen Punkten mit dem deutschen Standard gleichzusetzen. Die Daten werden wie bei uns z.B. über Landsat erhoben. Besonders stolz sind die Chilenen auf Ihr eigenens Satellitenprojekt.

Das letzte Wochenende verbringen wir unter anderem in Valparaiso (dt. Paradiestal). Drei Meter hohe Wellen machen es unmöglich zu schwimmen. Man kann nur staunen und nach Luft schnappen, wenn man von der Kraft des Pazifiks umgegrätscht wird. Sonntag ist Ruhetag. So auch für uns. Mit Brot und Avocados fahren wir in die Cajón del Maipo um dort bei Flussrauschen die Seele baumeln zu lassen.

Zum Schluss der Exkursion besuchen wir das Instituto Geografico Militar (IGM) in dem sämtliche Karten Chiles erstellt und gedruckt werden. In den Präsentationen werden wir gleichzeitig auf die Regional Geographic Conference (UGI 2011) eingeladen die in Santiago stattfindet. Bei unserem Final Dinner serviert man uns ein 350gr. schweres Chilenisches Entrecôte (Steak aus dem Zwischenrippenstück), das den ganzen Teller ausfüllt. Lecker.Die Sachen sind gepackt. Einige freuen sich auf die Heimreise, andere wiederum verlassen Chile nur schweren Herzens. Das Land ist eine, wenn nicht mehrere Reisen wert. Vielen Dank an dieser Stelle an Dipl. Ing. Carlos Acevedo und Prof. Dr. Thomas Schramm, die die Organisation und Koordination übernommen haben.

Für weitere Informationen kann die Website www.chile2011.de.vu oder http://www.ugi2011.cl/041_new.html besucht werden.

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