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Dreimonatiges Praktikum im Land Administration Project in Accra (Ghana)
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Nach sieben Semestern Studium and der TU München und mehreren Praktika hat mich im vergangenen Sommer das Interesse an der Arbeit jenseits der bekannten europäischen Standards zu einem Praktikum nach Ghana geführt. Dazu kam Neugierde auf ein mir unbekanntes Land und auf mir unbekannte Vermessungskollegen. Mein Interesse hat sich gelohnt!

Ghana, die frühere Goldküste Westafrikas, erlangte 1957 als erste der afrikanischen Kolonien südlich der Sahara die Unabhängigkeit von Großbritannien. Obwohl die Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit durch mehrere Militärputsche geprägt waren, verlief die jüngere Geschichte des Lands weitgehend friedlich und Ghana gilt heute in der Region als politisch stabil und vergleichsweise wohlhabend. Ghana ist reich an Rohstoffen wie Gold, Öl, Kakao und Holz. Traditionelle Strukturen haben sich bis heute in Familie und Gesellschaft erhalten. So spielen auch auf politischer Ebene die traditionellen Stammeshäuptlinge, die Chiefs, eine wichtige Rolle. Vor allem in den ländlichen Gebieten sind sie Macht- und Entscheidungsträger. Als solche haben sie auch großen Einfluss auf Entscheidungen, die die Landverteilung und Bodenverwaltung betreffen. Gleichzeitig bestehen staatliche Institutionen, die formal ebenfalls für diese Fragen zuständig sind. Es entsteht ein Nebeneinander von traditionellen Strukturen und meist schwächerer staatlicher Verwaltung. Daraus resultieren vielfältige Probleme wie Mehrfachverkäufe von Land, unklare Grenzverläufe und Landkonflikte. Zusätzlich steht das Land vor Herausforderungen wie denen einer wachsenden Bevölkerung, Urbanisierung und steigenden Grundstückspreisen. Vor diesem Hintergrund haben der Staat und internationale Geber 2003 das ‚Land Administration Project‘ ins Leben gerufen.

ArbeitskollegenOsu, das Viertel von Accra, in dem wir gearbeitet habenFeldbesuch

Das Projekt soll den gesamten Bereich der Landverteilungs- und Bodenpolitik neu strukturieren. Eines der konkreten Ziele des Projekts ist, die staatliche Bodengesetzgebung und das traditionelle Recht der Clansysteme einander anzupassen. Die Verwaltung soll reformiert, ein Kataster aufgebaut und die Prozesse zur Registrierung von Grundstücken vereinfacht werden.
Für den Bereich der Vermessung ergeben sich unter anderem folgende Aufgaben, die während meines Aufenthalts ausgeführt wurden: Die Vermessung der Grenzen zwischen traditionellen Stammesgebieten einerseits, sowie andererseits die systematische Vermessung und Erhebung von Eigentümerdaten von Grundstücken in der Stadt. Außerdem wird ein neues geodätisches Referenznetz für Ghana aufgebaut und eine landesweite Geodatenbank eingerichtet.

Die drei Monate in Ghana waren für mich in zwei Phasen geteilt: Die ersten Wochen habe ich überwiegend im Büro der von GFA und GCI überwachten Consultants verbracht, welche die Vermessungsaufgaben durchführen. Während dieser Zeit konnte ich einen guten Einblick in das Projekt, die Rechtssituation und den Ablauf der Reformen, Erfolge und Schwierigkeiten, gewinnen. Zudem hatte ich die Möglichkeit, an Konferenzen, Treffen und Feldbesuchen teilzunehmen. Außerdem konnte ich an mehreren Tagen das „Survey Department“ in Accra, also das Landesvermessungsamt, und seine verschiedenen Abteilungen kennenlernen. Die dortigen Strukturen haben auf mich sehr ineffizient gewirkt und die technische Ausstattung ist veraltet. Mir ist aufgefallen, wie wichtig die Reformen sind, damit mehr Menschen ihren Landbesitz zu erträglichen Kosten registrieren lassen können.

Bei der ArbeitElminaReferenzstation

Nachdem im Mai die Feldarbeiten in Accra begonnen hatten, konnte ich mich in den weiteren Wochen an der praktischen Durchführung des Projekts beteiligen. In dieser Phase des Projekts wurden die Arbeiten zum Testen der Abläufe in einzelnen Pilotprojekten von privaten Vermessungsbüros durchgeführt. Ich begleitete die Arbeit einer Firma, die damit beauftragt war, in Osu, einem zentralen älteren Stadtteil von Accra, systematisch alle Grundstücke zu erfassen. Dabei wurden die Grundstücke und Gebäude zunächst unter Mitverwendung von existierenden alten Karten und Luftbildern mit GPS-Empfängern im RTK-Modus vermessen. Außerdem wurde für jedes Grundstück eine Bestandsaufnahme gemacht. Es wurden Gebäudeanzahl, Baumaterialien und Infrastruktur wie Wasserzugang und sanitäre Anlagen, Stromversorgung und Telefonanschluss erfasst. Eine dritte Gruppe hat sich mit den rechtlichen Verhältnissen beschäftigt: Wer ist Eigentümer und wie lässt sich das nachweisen? Die wenigsten Grundstücke waren bereits registriert. Durch das systematische Vorgehen von Grundstück zu Grundstück sollte der Registrierungsprozess beschleunigt und vereinfacht werden. Alle gesammelten Daten wurden nach der Erfassung in eine Geodatenbank eingetragen.

Interessant war für mich neben dem fachlichen Aspekt der Arbeit vor allem der Einblick in den Alltag der Menschen in Accra. Da wir von Haus zu Haus vorgegangen sind und viel mit den Bewohnern geredet haben, wurde uns nicht selten die ganze Familiengeschichte erzählt. Manchmal wurde unserer Arbeit aber auch kein Verständnis entgegengebracht. Meine Arbeitskollegen waren alle Ghanaer. Einige von ihnen waren Vermessungsstudenten, die wie ich als Praktikanten bei der Firma waren. Somit konnte ich ihre Arbeitsweisen und Lebenseinstellungen kennenlernen und mich mit meinen „Kommilitonen“ über Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Studiums austauschen.

Allgemein kann ich sagen, dass es für mich die größte Bereicherung war, mein Fach von einer ganz anderen Seite kennenzulernen: in einem anderen kulturellen Umfeld mit anderer Ausstattung und Infrastruktur und auch unter anderen klimatischen Bedingungen, bei Hitze oder tropischem Regen, zu arbeiten. Mich in einer so fremden Kultur zurechtfinden zu müssen hat mir jeden Tag neue Überraschungen geboten und viele meiner gewohnten Sichtweisen in Frage gestellt.

Ich bin sehr froh, dass ich während meiner Studienzeit die Möglichkeit zu diesem Auslandsaufenthalt wahrnehmen konnte, auch wenn ich in der kurzen Zeit nur einen kleinen Einblick in das Land und seine Kultur gewinnen konnte.

Die Unterstützung von Seiten der TUM, die Förderung durch den DVW und vor allem die große mir entgegengebrachte Gastfreundlichkeit in Ghana haben diese wunderbare Erfahrung möglich gemacht.

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