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Messen zwischen Fikapaus und Elchgebein
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Schweden – das Land unendlicher Wälder oder auch einfach Natur pur. Seit langem ist es mein Traum in diesem Land als Vermessungsingenieurin zu arbeiten und zu leben. Durch mein Jahr als Au Pair in Schweden und zahlreiche Sprachkurse mache ich mir keine Sorgen um die Sprachprobleme. Doch wie setze ich am besten einen Fuß ins Land der Elche, Wikinger und Knäckebrote? Wie lerne ich Land und Leute, sowie Arbeitsweisen und Fachbegriffe am besten kennen? Und wie integriere ich es ins Studium? Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten: ein Auslandssemester, eine Abschlussarbeit oder auch – über ein Praktikum – der direkte Start ins Arbeitsleben. Um mit möglichst realistischen Verhältnissen die verschiedenen Situationen kennenzulernen entschied ich mich für ein Praktikum.

Die Möglichkeit in einem Ferienhaus von Verwandten zu übernachten, begrenzte meine Suche nach Firmen auf die kleine Hafenstadt Varberg südlich von Göteborg. Da in Schweden Praktika eher selten sind und viel Wert auf eine schwedische Grundausbildung gelegt wird, erhielt ich beim schwedischen Katasteramt Lantmäteriet schnell eine Absage. Bei der Vermessungsfirma Geoiden Mätteknik AB hatte ich aber mehr Erfolg. Nach einem kurzen und unkomplizierten Anruf beim Chef Bengt Eliasson abends um 20:30 Uhr hatte ich den Praktikumsplatz sicher. Mein sechswöchiges Praktikum sollte im Frühjahr 2011 zwischen meinen letzten Klausuren und dem Beginn meiner Masterarbeit stattfinden. In dieser Zeit würde ich viele unterschiedliche Messprojekte sehen. Diese umfassen Maschinensteuerung mit GPS, Nivellementmessungen zur Kontrolle von Bodensenkungen, unterschiedliche Messungen im Straßen- und Eisenbahnbau, sowie Laserscanning und Totalstationsmessungen im Tunnelbau. Es versprach eine aufregende und lehrreiche Zeit zu werden.

Pausenhofgestaltung einer Schule
Dann war es endlich so weit. Mein erster Tag als deutsche Praktikantin in Schweden, der morgens um 07:00 Uhr beginnt. Das frühe Aufstehen ist kein Problem, doch musste ich mich daran gewöhnen eine 50 bis 140 km lange Anfahrt einzuplanen. Diese Entfernungen sind in Schweden – und auch allgemein in Skandinavien – vollkommen normal. Am besagten ersten Tag wurde ich mit neuer Arbeitskleidung ausgestattet, beim schwedischen Finanzamt skatteverket angemeldet und Robban vorgestellt, mit dem ich die ersten eineinhalb Wochen verbringen sollte.

In der folgenden ersten Woche waren Robban und ich unter anderem an einer Schule, dessen kompletter Schulhof neugestaltet wurde. Für die anstehenden Asphaltarbeiten sollten Straßenkanten abgesteckt werden. Die Absteckung der Asphaltkanten haben wir mit einer Trimble Totalstation durchgeführt. Nahezu alle Vermessungen während meines Praktikums wurden mit einer Ein-Mann-Station durchgeführt. Da in Schweden nur wenige Geodäsie studieren und Vermessungspersonal knapp ist, muss das Arbeitspotential optimal ausgenutzt werden. Mir wurden die Instrumente und das Programm GeoPAD auf dem Controller gezeigt, welches eines der weit verbreitesten Vermessungsprogramme in Schweden ist. Alle gemessenen Daten können leicht auf den PC gespielt werden und in Geo weiterverarbeitet werden. Ein entsprechendes Programm für die Maschinensteuerung ist GeoROG. Eine in GeoPAD geladene Koordinatendatei zeigt die abzusteckenden Asphaltkanten. Die Position des Prismastabes wird mit der Totalstation ermittelt und über die Straßenkante geführt. Mit Sprayfarbe gekennzeichnet können die Asphaltarbeiten beginnen.

Nivellement in GöteborgGleismessung mit KRABSchön schmutziges Vermessungsfahrzeug

Senkungsverdacht im zentralen Göteborg
Bereits in den ersten Tagen wurde mir klar, dass sich der Tagesablauf in Schweden im Vergleich zu dem in Deutschland sehr unterscheidet. In Schweden wird allgemein die Meinung vertreten, dass ein Mensch höchstens 3 Stunden effektiv arbeiten kann. Alle 2 – 3 Stunden wird daher eine Pause eingelegt. Wird um 07:00 Uhr begonnen zu arbeiten, gibt es um 09:00 Uhr eine halbe Stunde die sogenannte fikapaus und gegen 12:00 Uhr dann Mittag. Um 15:00 Uhr wird nochmal eine fikapaus eingelegt und um 17:00 Uhr ist dann meistens Feierabend. Fikapaus bedeutet so viel wie Kaffee trinken. Überall im Land wird dabei Kaffee oder Tee getrunken und Brot mit salziger Butter und unterschiedlichstem Belag gegessen. Dieser Tagesablauf ist in Schweden weitverbreitet und man kann sich wirklich daran gewöhnen.
In Woche zwei sollte es dann in die zweitgrößte Stadt Schwedens gehen. Hier wird mitten in der Innenstadt eine neue Autobahnbrücke mit diversen Ab- und Auffahrten gebaut. Da dieses Projekt mitten in einem Wohngebiet gelegen ist, sollen die umstehenden Wohngebäude genauestens auf eventuelle Senkungen durch den Brückenbau überwacht werden. Mittels Nivellement wird monatlich kontrolliert, ob Senkungen der Gebäude stattgefunden haben. Für einige dieser Schleifen brauchte Magnus meine Hilfe. Ausgestattet mit einer 3 m-Latte und einem Digitalnivellier von Leica ging es dann quer durch Göteborg und ich konnte sogar meinen ersten Vermessungspunkt in schwedischen Asphalt schlagen. Da wir beide seit längerem nicht mehr nivelliert hatten, waren wir uns nicht sicher, ob unsere Ergebnisse überhaupt brauchbar waren, aber ein Schleifenschlussfehler von 0,23 mm machte uns dann doch stolz.

Eine Krabbe auf den Gleisen
Magnus ist nicht nur fürs Nivellieren zuständig, sondern arbeitet überwiegend mit der KRAB. „KRABBAN“, wie wir die Aluminiumdraisine zur Gleisvermessung nannten, bedeutet Krabbe und macht ihrem Namen alle Ehre. Mittels verschiedener mechanischer Messgeber können unterschiedliche Messgrößen, wie die Schienenmitte und -breite, der Höhenunterschied der Schienen zueinander oder deren Schiefe bestimmt werden. Aber auch eine Längenmessung in Bezug auf den Anfangspunkt wird mittels Odometer ermittelt. Diese Art Draisine wird in Schrittgeschwindigkeit über die Schienen geschoben. Da der Zugverkehr hierfür nicht extra gestoppt wird, geht ein Zugwarner parallel mit, so dass sich der Vermesser nur auf die Messung konzentrieren kann. Kommt ein Zug muss die Krabbe möglichst ruhig von den Gleisen gehoben werden und ein Sicherheitsabstand zum vorbeifahrenden Zug von 5 m sollte eingehalten werden. Ist der Zug vorbei kann die Messung weitergehen. Da die Messungen nur im Meterbereich genau sein müssen, muss die Absetzposition nicht markiert werden und es wird lediglich versucht an ungefähr gleicher Stelle weiterzumessen.
In Schweden wird der noch einspurige Bahnverkehr langsam auf das zweispurige System umgestellt. Dies zieht viele Gleisbauprojekte in ganz Schweden nach sich. Um den Untergrund für die zweite Spur, der überwiegend aus weichem Lehm besteht, nördlich von Göteborg zu stabilisieren, werden Kalk-Zement-Säulen bis zu 15 m in den Boden gebohrt. Da diese Arbeiten überwiegend neben den bereits befindlichen Spuren durchgeführt werden, sind diese hiervon stark beeinträchtigt. Veränderungen der Schienenlage im cm-Bereich können einen Zug bereits zum Entgleisen bringen.
Bei meiner ersten KRAB-Messung bin ich nebenher gegangen und Magnus hat KRABBAN bedient. Ich sollte mich zunächst an den Schotter gewöhnen, auf dem gelaufen werden musste, und wenn ein Zug kommt mithelfen das Gerät von den Schienen zu heben. Nach einer eingehenden Einweisung zum Verhalten im Schienengebiet, konnte es dann auch losgehen. Die Aufregung des ersten vorbeikommenden Zuges wurde dadurch verstärkt, dass wir gerade 2 m auf einer Brücke waren, als der Zugwarner rief: „Zug!“. Allerdings konnte man auf dieser einspurig geführten Brücke nicht einfach zur Seite gehen und der Weg zurück war auch ausgeschlossen. Daher mussten wir uns beeilen die 50 m Brücke rechtzeitig hinter uns zu bringen, bevor der Zug sie erreicht. Nur wenige Sekunden nachdem wir die Krabbe von den Schienen gehoben hatten, fuhr der Zug mit ca. 100 km/h an uns vorbei.

Ich bei Vermessungsarbeiten im TunnelMessgebiet SådenMessgebiet im Norden

Tunnelbesuch und Geländemodell
Die Tage vor und nach Ostern waren etwas ruhiger, aber nicht weniger spektakulär. Bei ein zwei Besuchen in Göteborg lernte ich Peter und Barbora kennen. Barbora hatte ihren Master in Geodäsie in Tschechien gemacht und war vor sechs Jahren nach Schweden ausgewandert. Von ihr bekam ich bezüglich Auswanderung nach Schweden viele Tipps und auch zu den Arbeitsbedingungen konnte sie mir viel erzählen. Das Beste an dem Besuch bei Barbora war allerdings ihr Projekt. Sie betreut seit fast drei Jahren den Bau eines Abwassertunnels in einem kleinen Vorort östlich von Göteborg. Dieser Tunnel wurde in den Fels gesprengt, war fast 10 km lang, 4 m hoch und nur 3 m breit. Dies ist die kleinstmögliche Größe eines Tunnels, da bei geringerer Größe die Maschinen nicht mehr hineinpassen. Mit einem alten Militärjeep ging es dann hinab durch einen halben Meter Schlamm und Wasser. Für die Messungen untertage verwendet Barbora sogenannte Unikonsolen mit denen Sie die Totalstation an der Tunnelwand befestigen kann. Messprismen werden mit Hilfe von Gewindepunkten ebenfalls an den Wänden angebracht. Damit die Punkte in der Dunkelheit wieder auffindbar sind, werden sie farbenfroh markiert.
Apropos farbenfrohe Markierungen: über das Osterwochenende bekam ich dann Besuch von meinem Verlobten und meinem Vater mit seiner Frau. Um ihnen zeigen zu können womit ich arbeite und auch um weitere praktische Erfahrungen zu sammeln, fragte ich Bengt, ob es möglich wäre ein Geländemodell vom Grundstück zu erstellen. Er fand das es eine gute Idee war und ich bekam sämtliche Ausrüstung über die Feiertage mit nach Hause, um dort die Messungen zu erledigen. Ich plante die gesamte Messung selbst und lies dies von Bengt überprüfen. Mittels SWEPOS, dem schwedischen Satellitenpositionierungsdienst, und einer Leica GPS-RTK Ausrüstung bestimmte ich die Koordinaten von vier Festpunkten um sie später zur Orientierung der Totalstation zu nutzen. Mit insgesamt vier Standpunkten und einer Leica-Totalstation der neuen Viva-Serie konnte ich eine topographische Landesaufnahme des Grundstückes realisieren. Sowohl die Totalstation, als auch die GPS-Instrumente nutzen das Programm Geo zur Verarbeitung der Messdaten, welches ich bereits in meinen ersten Tagen kennenlernte. Zur Bearbeitung der gemessenen Daten und zur Erstellung eines Geländemodells bekam ich eine Demolizenz des Programmes zur Verfügung gestellt. Zusätzlich nahm ich zusammen mit anderen Geonutzern an einem Fortgeschrittenenkurs zur Volumenberechnung in Geo teil, welche Bengt zur Weiterbildung von Vermessern anbietet. Mit diesem Wissen konnte ich anschließend ein Geländemodell des Grundstückes modellieren. Zur besseren Visualisierung habe ich für meine Bekannten einmal die Gebäude hinzugefügt.

Großprojekt zweispurige Eisenbahn
Und schon waren die ersten vier Wochen meines Praktikums um. Ich hatte bereits eine Menge gesehen, durfte vieles eigenständig messen und habe eine Menge gelernt. Doch in den letzten beiden Wochen konnte ich ganz besonders das richtige Leben eines schwedischen Vermessers kennenlernen. Wie schon erwähnt wird in einem großen Projekt das einspurige Eisenbahnnetz in Schweden erweitert. So auch ca. 40 km nördlich von Göteborg. Während der ganzen Bauarbeiten sollte nun ein Festpunktnetz aufgestellt werden, welches für spätere Messungen der Bahn zur Verfügung stehen soll. Mit meinem neuen Kollegen Peter und Magnus, mit dem ich bereits mit der Krabbe gemessen hatte, konnte ich dieses Projekt von Anfang an begleiten. Es handelte sich dabei um eine etwa 4 km lange Bahnstrecke, welche auf zwei Spuren umgebaut oder zum Teil sogar verlegt werden sollte. Wir fingen am ersten Tag an bereits bestehende Festpunkte im ganzen Gebiet zu erkunden und diejenigen auszuwählen, welche als Anschlusspunkte für die neuen Messungen geeignet waren und welche nicht. Im Fundament der Stromleitungsmasten sollten Messpunkte angebracht werden, über welche wir uns später zum Messen mit einer Totalstation per Zwangszentrierung aufstellen würden. Diese Messpunktstandorte mussten genauestens erkundet werden. Zum Einen durften sie maximal 250 m vom nächsten entfernt sein und zum Anderen mussten im Vor- und im Rückblick jeweils mindestens zwei weitere Messpunkte sichtbar sein. Allein diese Erkundung dauerte vier Tage. Anschließend begannen wir mit den Markierungsarbeiten und während wir den Bahnschienen entlang gingen stolperte ich fast über einen Elch. Zu meiner Verwunderung hatte ich mir zuvor nie Gedanken gemacht, dass es auch zu Wildunfällen im Zugverkehr kommen kann.
Als wir bereits einen Tag Messingstangen in die Fundamente gebaut hatten, wurden all unsere Vorarbeiten am zweiten Tag der Markierungsarbeiten zunichte gemacht. Während unserer tatkräftigen Arbeit im Norden, hatten die Elektriker im Süden begonnen Elektrikschränke zu installieren, sodass komplette Sichten verbaut wurden. Fast unsere gesamte Arbeit der letzten Woche war somit hinfällig. Wir begannen von vorne unsere Sichten und bereits markierten Punkte zu überprüfen. Unterdessen neigte sich die Zeit meines Praktikums dem Ende zu und ich entschied meinen Aufenthalt um einige Tage zu verlängern, um noch mit den Messungen beginnen zu können. Wir markierten dann zunächst die erste Hälfte der Gesamtstrecke fertig und konnten am letzten Tag meines Schwedenaufenthaltes mit dem Messen anfangen.

Was habe ich gelernt?
In meiner gesamten Zeit in Schweden habe ich sowohl meine praktischen Kenntnisse im Umgang mit einer Totalstation oder einer GPS-RTK-Ausrüstung vertieft, mit einer spezifischen Messdatensoftware gearbeitet und sogar einen Kurs dafür besucht. Ich habe die Arbeitsweise im Bahnverkehr kennengelernt, meine Sprachkenntnisse erweitert und gesehen wie große Baumaschinen mit meinen Messungen mm genau eine Straße bauen. Aber das allerwichtigste ist, dass ich eine Menge sehr netter Menschen kennengelernt habe und ich mir nun umso mehr sicher sein kann, dass ein Leben in Schweden für mich unabdingbar ist.

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