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Praktikum in San Fransisco
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Im fünften Semester meines Studiums „Vermessung und Geoinformatik“ an der Hochschule für Technik Stuttgart ist es Pflicht, ein Praxissemester zu absolvieren. Von Beginn an war mir klar, dass ich dieses im Ausland absolvieren möchte. Es sollte sich um ein englischsprachiges Land handeln, indem ich meine Englischkenntnisse auffrischen kann. Außerdem sollte es sich natürlich lohnen dort ein halbes Jahr zu verbringen. Nachdem viele Bewerbungen in Neuseeland und Australien unbeantwortet blieben, bekam ich den Hinweis auf eine Praktikumsstelle in San Francisco, was ebenfalls sehr verlockend klang. Für diese habe ich mich auch beworben und wurde angenommen, wofür ich heute immer noch sehr dankbar bin. Nachdem ich die Zusage vom Vermessungsbüro hatte hieß es aber zunächst ein Visum zu besorgen. Aus dem Grund, dass ich kein Tourist war sondern in den Vereinigten Staaten ein halbes Jahr ein Praktikum absolvieren wollte, benötigte ich ein besonderes Visum. Somit war ich in der kurzen Zeit bis zum Praktikum noch beschäftigt Begründungen zu schreiben warum ich genau in den Vereinigten Staaten das Praktikum absolvieren möchte und warum genau in dieser Firma, natürlich auf Englisch. Immerhin konnte man sich so schon mal etwas auf die „fremde“ Sprache einstellen.

Ende August 2012 ging es dann mit dem Flieger von Frankfurt aus über den Atlantik und Amerika nach San Francisco. San Francisco liegt an der Westküste der Vereinigten Staaten von Amerika auf einer Halbinsel im Bundestaat Kalifornien. Im Verhältnis zu anderen Großstädten ist die Stadt platztechnisch sehr begrenzt durch die Halbinsel und deshalb relativ kompakt. In der sehr multikulturellen, liberalen und lebensfrohen Stadt wohnen trotzdem 800.000 Einwohner mit der Einstellung „leben und leben lassen“. Durch diese Einstellung kommen dafür auch die sozialen Missstände besonders zur Geltung. Neben den vielen sehr wohlhabenden Gegenden innerhalb und nördlich von San Francisco gibt es auch sehr verwahrloste Viertel nicht weit entfernt von den touristischen Schauplätzen. Ich war regelrecht geschockt, wie in einem so hochentwickelten Land so viele Menschen auf der Straße leben können. Neben den sozialen Missständen gibt es natürlich auch etliche Sehenswürdigkeiten, die jedes Jahr rund 18 Millionen Touristen anlocken. Somit ist San Francisco die am häufigsten besuchte Stadt der USA. Besonders bekannt ist San Francisco natürlich für die Golden Gate Bridge, die seit 1937 den Eingang zum San Francisco Bay überspannt. Den Namen hat die Brücke zu Zeiten des Goldrausches bekommen, als man den Eingang in das Bay „Golden Gate“ taufte. Die Golden Gate Bridge gilt nicht nur als Wahrzeichen der Stadt, sondern ist bei vielen Menschen auch ein Symbol für die Vereinigten Staaten direkt neben der Freiheitsstatue. Wer schon einmal in San Francisco war, der weiß, dass man etwas Glück haben muss, um die Brücke in vollem Glanz zu sehen, denn normalerweise steht sie in einer dicken Nebelwolke. In San Francisco trifft die heiße Luft aus der Sierra Nevada auf die kalte Pazifikströmung und erzeugt so den ständigen Nebel. Neben der Golden Gate Bridge gibt es natürlich noch mehr Sehenswürdigkeiten, wie zum Beispiel die Gefängnisinsel Alcatraz. Das ehemalige Hochsicherheitsgefängnis dient heute nur noch als Touristenattraktion. Alcatraz galt unter dem Namen „The Rock“ (Der Fels) als absolut ausbruchsicher durch das eiskalte Wasser in der Bucht und der tückischen Strömung. Dieses ehemalige Hochsicherheitsgefängnis wurde auch mehrfach als Filmmotiv genommen und gelangte so zu seiner heutigen Bekanntheit bei Touristen. Ebenfalls sehenswert sind die unter Denkmal stehenden Kabelstraßenbahnen, den sogenannten „ CableCars“ oder das Hafenviertel „Fisherman‘s Whorf“.

Mein Arbeitsplatz lag inmitten dieser schönen Stadt. Angestellt war ich bei Meridian Survey Engineering Inc., einem mittelgroßem Vermessungsbüro mit 8 Mitarbeitern. Ihr zentrales Büro war in San Rafael angesiedelt, einer größeren Stadt nördlich von San Francisco, inmitten wohlhabender Wohnsiedlungen. Ich hatte das Glück direkt in San Francisco in einer von zwei Außenstellen zu arbeiten. Nachdem ich mir in den ersten vier Tagen die Stadt etwas genauer angeschaut hatte, wurde ich dort von den zwei Mitarbeitern der Außenstelle begrüßt. Ich war von Anfang an positiv überrascht von den zwei sehr jungen und dynamischen Mitarbeitern. Der eine war ein sehr kompetenter Vermessungsingenieur, weshalb er auch zur Zeit meines Praktikums ein eigenes Unternehmen gegründet hat. Die zweite Mitarbeiterin war eine eingelernte Fachkraft, die ursprünglich Mathematik studiert hatte.

Nun konnte es mit dem Praktikum losgehen. In der Anfangszeit herrschte eine ziemliche Auftragsflaute, weshalb ich ziemlich viel im Büro saß. Dafür gab es genug Zeit, in der mir meine Betreuer das amerikanische Vermessungssystem näher bringen konnten. Wichtig waren vor allem die ganzen Fachbegriffe in Englisch, die ich später für die Aufträge benötigte. Besonders interessant war es natürlich ein fremdes Vermessungssystem kennenzulernen und ich bemerkte sofort die großen Unterschiede zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Vermessungssystem. Es wird normalerweise nicht in einem einheitlichen Koordinatensystem vermessen, sondern alles wird mit Hilfe von Karten in den Block oder in die Umgebung eingepasst. Wir haben uns immer auf einem Punkt stationiert, der in einer Karte vermerkt war, und uns mit Hilfe einer angegeben Richtung zu einem anderen Punkt auf der Karte orientiert. Bei den Karten, die wir zu jeder Vermessung benötigten handelte es sich um alte Vermessungen, die zuvor in der Gegend ausgeführt wurden. In der Stadt gab es zum Glück Karten für die Blöcke mit immer mindestens vier Vermessungspunkten an den Ecken, die nach dem Erbauen des Blockes an der Hauswand oder einer Mauer markiert waren. In ab gelegeneren Gegenden war die Vermessung dafür ein ziemliches Abenteuer. Da es oft keine Punkte direkt an dem zu vermessenden Grundstück gab, mussten wir die Punkte von Vermessungen nehmen, die in der Nähe unseres Grundstückes durchgeführt wurden. Wichtigstes Werkzeug um die Punkte zu finden war ein Metalldetektor, den manche Punkte waren bis zu 40 Jahre alt, mit denen ich zu tun hatte. Die Punkte waren natürlich fehleranfällig und man erlangte bei weitem keine Genauigkeiten, wie in der Stadt oder in Deutschland. Da man Punkte von älteren Vermessungen benutzte, benötigten wir immer eine Kontrolle, um diese Punkte zu kontrollieren. Deshalb verwendeten wir Punkte aus möglichst vielen unterschiedlichen Vermessungen. Dadurch entstanden natürlich auch Spannungen und je nachdem welche Punkte man einbeziehen wollten unterschiedliche Ergebnisse. Somit gibt es bei den Vermessungen öfters, je nach Vermesser, verschiedene Lösungen. Man spricht hier bei einer Vermessung auch mehr von einer Expertenmeinung. Bei Grenzvermessungen kommt es deshalb des Öfteren vor, dass ein Gericht über den Verlauf der Grenze entscheiden muss, weil ein zweiter Vermesser zu einem anderen Grenzverlauf gekommen ist mit seiner Vermessung. Willkommen in Kalifornien.

Mit diesen Vermessungen arbeitete ich nun ein halbes Jahr. Meine Arbeitsbereiche reichten von topographischen Aufnahmen, Grenzvermessungen bis hin zum Bestimmen von Bodenpunkten für die Aerophotogrammetrie, die durch die großen unbesiedelten Flächen eine große Rolle spielt. Es gab auch viele Aufträge von Beobachtungsvermessungen innerhalb San Franciscos. Wenn dort gebaut wurde, wollten sich die Auftraggeber gegen die Nachbarn absichern, falls es durch den Bau zu Anklagen kommt. Somit wurden wir als Vermesser beauftragt, die Nachbarhäuser auf Bewegungen zu kontrollieren. Zum großen Teil war ich bei diesen Aufträgen ein Teil der sogenannten „Survey Crew“, aber zu meinem Glück hatte die Firma auch ein großes Vertrauen in deutsche Praktikanten, da ich nicht der Erste war, sodass ich gegen Ende viel alleine vermessen durfte, mit Hilfe einer Totalstation. Für das Vertrauen war ich natürlich äußerst dankbar, da ich selbständig Lösungen finden musste und so Erfahrungen sammeln konnte, die ich als Assistent voraussichtlich nicht erfahren hätte.
Was mir von Anfang an gut gefiel, ist die lockere Art der Amerikaner und somit das entspannte Betriebsklima. Dazu kommen noch die schönen kalifornischen Landschaften, in denen man vermessen darf. Jede Grenzvermessung oder topographische Aufnahme außerhalb der Stadt ist somit ein Erlebnis für sich und man genießt jede Minute, in der man außerhalb des Büros arbeiten kann. Selbst in der Stadt hatte ich die Chance bei der Vermessung eines neuen Piers mitzuarbeiten, an der bekanntesten Hafenmeile von San Francisco, dem Fisherman’s Wharf. Dort ist man höchstens davon genervt, wenn dauernd massenweise Touristen vor dem Tachymeter vorbei laufen. Ich arbeitete die fünf Monate nicht nur an den schönsten Orten, sondern auch an vielfältigen Aufträgen.

Mit dem Einblick in dieses fremde Vermessungssystem habe ich meinen Horizont deutlich erweitern können. Da die Vermessungsgrundlagen überall die gleichen sind, konnte ich auch meine gelernten Fähigkeiten gut einsetzen. Ich würde es jedem Studierenden ebenfalls empfehlen so ein Praktikum im Ausland zu machen, auch deshalb weil er neben dem fachlichen auch eine andere Kultur und andere Menschen kennenlernen kann.

Besonders möchte ich mich noch bedanken beim DVW für die finanzielle Unterstützung dieses Auslandssemester und bei Professor Rainer Kettemann, der mir bei der Vermittlung der Praktikumsstelle zur Seite stand.

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