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Bären, Holzfäller und Chinatown – Calgary, Kanada

Kanada – das Land in dem bärtige und in Holzfällerhemden gekleidete Männer sich über nichts anderes als Eishockey im Allgemeinen und, mit einem Leuchten in den Augen, Wayne Gretzki im Speziellen unterhalten. Sofern sie einen Gesprächspartner finden, denn schließlich gibt es ja weitaus mehr Bären als Menschen in Kanada. So weit also zu den Klischees. Aber wie sieht es wirklich aus im Land, das trotz seiner beachtlichen Größe doch immer als der kleinere Bruder der USA betrachtet wird?

Um unter anderem genau das herauszufinden, habe ich die Chance genutzt, das Pflichtpraktikum, das die Beuth Hochschule für Technik Berlin für Studierende des 4. Semesters im Bacherlor-Studiengang Geoinformation vorsieht, von drei auf sechs Monate zu verlängern und diese Zeit in Kanada zu verbringen. Über einen Dozenten konnte ich die Firma North West Geomatics kontaktieren und mir meinen Praktikumsplatz in der Stadt Calgary in der Provinz Alberta sichern.

Calgary ist eine sehr moderne, vielleicht typisch nordamerikanische Stadt: Der Stadtkern wird von Hochhäusern geprägt und von eher weitläufigen Siedlungen eingerahmt. Speziell allerdings ist, dass die Provinz Alberta über sehr große Ölsandvorkommen verfügt und diese der gesamten Provinz wie auch Calgary zu einem gewissen Wohlstand verholfen hat. So gilt Calgary als eine der lebenswertesten Städte auf der Welt, ist zugleich aber auch die teuerste im ohnehin schon teueren Kanada.

North West Geomatics besteht schon seit Ende der 60er-Jahre und hat sich vom einfachen Vermessungsbüro schnell zu einem der in Nordamerika wichtigsten Unternehmen in Sachen Luftbildphotogrammetrie entwickelt. Heute setzt die Firma sechs Flugzeuge, bestückt mit der neuesten Generation der Leica ADS-Zeilenkamera, ein. Dass man ausgerechnet auf Kameras der Marke Leica setzt, kommt dabei nicht von ungefähr: In Kooperation mit dem Schweizer Unternehmen werden in Calgary große Teile der Leica XPro Software entwickelt, mit der sich die Kameradaten in einem effizienten Workflow weiterverarbeiten lassen. Und wo klassische Photogrammetrie und Softwareentwicklung aufeinander treffen, muss ein guter Platz für ein Geoinformationspraktikum sein.
Und natürlich konnte ich eine ganze Menge von den Entwicklern erfahren: North West setzt das Prinzip der agilen Softwareentwicklung ein. Dabei stehen Flexibilität und Kommunikation im Vordergrund, um auf anstehende Veränderungen des Anforderungsprofils oder auf Wünsche der (eigenen) Produktion von Luftbilddaten schnell reagieren zu können. Umgesetzt wurde dieses Prinzip mithilfe von Jira, einem webbasierten Aufgabenmanagement, sowie dem täglichen Scrum, bei dem alle an der Entwicklung beteiligten Mitarbeiter die erledigte Arbeit des vergangenen sowie die geplanten Aufgaben des anstehenden Tages zusammengefasst und gemeinsam diskutiert haben. Auch wenn diese Treffen meist nur 15 Minuten gedauert haben, konnten sie oft zur Lösung von bestehenden Problemen beitragen oder den veränderten Prioritäten durch Arbeitsumverteilung gerecht werden.

Während meiner Zeit als Praktikant war ich vor allem mit dem Testen von Software befasst. Dabei habe ich unter anderem lernen können, wie Programme umfassend, sozusagen auf „Herz und Nieren“, geprüft werden und durch Durchlaufen aller Phasen des Jira-Ticketsystems systematisch verbessert und schließlich evaluiert werden.

Durch die hohe Spezialisierung von North West in Bezug auf die Verarbeitung von Luftbildern hatte ich zudem einen sehr guten Einblick in Themen, die von der Hochschule allenfalls angekratzt werden konnten und die ich meist in eigenen Projekten bearbeiten konnte. So habe ich mich z.B. mit Kamerakalibrierungen, die aus Bilddaten berechnet wurden, beschäftigt und untersucht, inwiefern diese Abhängigkeiten von der Flughöhe bzw. Auflösung zeigen oder ob diese sich abhängig von der Zeit oder der Flugrichtung ändern. In einem weiteren Projekt habe ich mit Daten der Organisation EuroSDR (http://www.ifp.uni-stuttgart.de/eurosdr/ImageMatching/index.en.html) verschiedene Tests durchgeführt und den firmeneigenen Ansatz für die Genererierung von Oberflächenmodellen aus Luftbilddaten (SGM) Parameter und damit Ergebnisse optimiert.

Und neben all der Arbeit blieb natürlich auch noch Zeit, Kanada zu entdecken und die angesprochenen Klischees zu überprüfen. Durch den erwähnten Ölsandboom, die gute Lage am Arbeitsmarkt und die eher lockere Einwanderungspolitik Kanadas hat sich Calgary (wie bspw. auch Vancouver) zu einer echten Multi-Kulti-Gesellschaft aufgeschwungen. Fragt man die Einwohner Calgarys nach ihren Wurzeln, werden nur die wenigsten Kanada als das Land ihrer Eltern angeben können. Statt bärtige Holzfäller zu suchen, lohnt daher wohl eher ein Besuch in Chinatown oder in einem der zahlreichen Läden für europäische Spezialitäten (Original Pasta oder Kuckucksuhren, kann man alles in Calgary bekommen) oder auf dem Bolzplatz, wo man als deutscher Praktikant gar nicht mehr auffallen kann, schließlich gehören die 21 Mitspieler 21 verschiedenen Nationen an.
Und trotzdem findet man natürlich Kanadier, die allesamt, um zumindest dieses Klischee zu bestätigen, unglaublich freundlich und offen sind. Was mir anfänglich etwas fremd oder gar oberflächlich vorkam, ist jetzt, wo ich wieder zu Hause bin, die Sache, die ich am meisten vermisse: Der freundliche Umgang miteinander und die Gelassenheit, die die Kanadier mitbringen, um sich auch an der Supermarktkasse mal ganz unbefangen mit dem Kassierer eine Weile über Gott und die Welt zu unterhalten.
Wer das große Nachtleben in Calgary sucht, wird allerdings enttäuscht sein. Sicherlich gibt es einige Clubs und Pubs, doch ist die Stadt nicht nur unglaublich groß (in etwa so groß wie Berlin bei nur einem Drittel der Einwohner) sondern sind die Lokale dank des schlechten öffentlichen Nahverkehrsnetzes auch schlecht zu erreichen.
Für Naturfreunde bietet die Umgebung dafür umso mehr: Die Rocky Mountains sind nur etwa eine Autostunde entfernt und schon auf dem Weg dahin kann man mit etwas Glück die ersten großen Tiere wie Moose oder Elks sehen. Fährt man etwas tiefer in die zahlreichen Nationalparks (der bekannteste ist wohl der „Banff“-Nationalpark), ergeben sich Möglichkeiten für wunderschöne Fotos von Seen, für die Sichtung von Bären und Bergziegen auf den zahlreichen Wanderrouten oder für sehr ursprüngliches Campen inmitten riesiger Wald- und Berglandschaften.

Alles in allem möchte ich ein Praktikum in Kanada und speziell bei North West aber weiter empfehlen. Neben vielen Sachen, die ich im Bereich der Geoinformation dazu lernen konnte, lohnt es sich vor allem, um die großartige Umgebung Calgarys zu erkunden. Mithilfe der Unterstützung des DVW war es mir möglich, einen Teil der Reise-, Versicherungs- und Visumskosten zu decken, wofür ich mich herzlich bedanke.

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